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Rollentausch auf Schulbank

Wie junge Leute am Berufskolleg Junggebliebene über 55 Jahre unterrichten

Büren. Textgestaltung steht auf dem Stundenplan im Computerraum. Eine Musterseite mit den verschiedenen Formen wie Flattersatz oder Rechts- und Linksbündigkeit liegt vor den Computer-Anfängern. Eine Hand wird gehoben. „Können Sie mir helfen?“ Klar, Christina Bathe geht von einem zum anderen, schaut über die Schulter, greift zur Maus, gibt Tipps. Eine alltägliche Szene in einer Schulkasse.

Doch da gibt es einen großen Unterschied: Am Ludwig-Erhard-Berufskolleg in Büren gibt es freitags nachmittags einen Rollenwechsel. Schüler unterrichten ältere Menschen ab 55 Jahren. Nach Weihnachten startete dort das Projekt Eule (Erleben, unterrichten, lernen, experimentieren) unter der Maxime, Begegnungen zwischen Generationen zu ermöglichen. Für die einen heißt das, in entspannter Atmosphäre zu lernen, für die anderen Anerkennung zu bekommen, Selbstbewusstsein zu tanken und Kompetenzen zu lernen, die ihnen auch im Alltag und Beruf weiterhelfen: freies Reden, Teamarbeit, Verantwortung, Toleranz und Durchhaltevermögen.

Sieben verschiedene Kurse von Gedächtnistraining über Englisch und Computer bis zum kreativen Schreiben oder Basteln und Zeichnen werden angeboten. In ihrer Freizeit von einem Team mit insgesamt 25 Schülern im Alter von 17 bis 21 Jahren, die sich dafür mit ihren Kenntnissen beworben haben, die die kostenlosen Unterrichtseinheiten auch vorbereiten. Für mittlerweile 45 Teilnehmer der Generation „Ü 55“. Und es kommen immer neue hinzu.

Er habe von einem solchen Projekt am Gymnasium Rietberg gelesen, erinnert sich Initiator und Lehrer Christof Gockel. Vor den Sommerferien stellte er es dem Lehrerkollegium vor - und fand sofort Mitstreiter: Heute begleitet ein fünfköpfiges Pädagogen-Team die so genannten jungen Schüler-Lehrer, hilft, wo Hilfe nötig ist, hält sich aber zurück und lässt die kreativen jungen Leute Ideen umsetzen. Unterstützung gibt’s vom Caritasverband in Büren, in dessen Jahresmotto der Generationenaustausch unter der Überschrift „Achten statt ächten“ besten hineinpasst, wie Geschäftsführer Christian Bambeck betont. „Dies sei ein tolles Beispiel dafür, dass man nicht immer von der Null-Bock-Generation reden sollte“, sagt Brigitte Badke.

Mit dazu gehört nämlich nach dem Unterricht das gemeinsame Kaffeetrinken bei Plätzchen oder Waffeln. Viele Anregungen stammen von den Schülern selbst. Gockel erinnert sich noch daran, dass man vor der ersten Eule-Informationveranstaltung bibbernd gewartet habe mit der bangen Frage: Wie viele kommen wohl? Dann waren es auf den Schlag 35 Teilnehmer - und die Motivation wuchs auf allen Seiten.

So hofft Gockel, dass die Eule ein stetige Einrichtung am Kolleg werden könnte. Kurz vor Ostern wird eine erste Bestandsaufnahme stattfinden. Bei der Freude, die die Schüler-Lehrer und ihre etwas älteren Schüler haben, wird dies sicherlich positiv ausfallen. „Es macht Spaß und ist sehr lustig hier, sonst würde ich nicht jeden Freitag wiederkommen“, sagt Christina Bathe. „Es war zu Anfang für mich nicht vorstellbar, das jemand noch nie eine Maus in der Hand gehabt hat.“

„Die jungen Leute bemühen sich unheimlich, sind sehr aufmerksam und erklären jeden Schritt. Ich kann zehn Mal fragen und bekomme zehn Mal eine Antwort“, ist Rita Schmitz (60) begeistert. Sie lernt mit Freundin Erika Schulte (55) die erste Schritte am Computer. „Damit ich auch mal mitreden, E-mails oder Briefe schreiben kann.“

Quelle: Neue Westfälische vom 22.02.2008
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